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Bis zu meiner Geburt lebte ich sehr zurückgezogen. Doch an einem kalten Januartag des Jahres 1952 wurde ich ohne mein Einverständnis plötzlich ans Licht der Welt gezerrt. Geblendet und verängstigt sah ich der alten Hebamme und dem neuen Leben ins Gesicht.

Bald darauf lernte ich meine Eltern kennen. Sie waren beide wesentlich älter als ich, doch das war mir egal. Meine Mutter war eine sehr frauliche Frau und mein Vater war ein arbeitsloser Zirkusclown.

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Es waren schlechte Zeiten und das war gut, denn in schlechten Zeiten halten die Menschen besser zusammen.
Wir teilten uns das Zimmer, das Bett, das Waschwasser und die Sorgen. Und weil wir uns sowieso alles teilten, kamen wir zu dem Entschluss, eine Familie zu gründen. Meine Eltern wurden Erziehungsberechtigte und ich wurde Roland getauft.

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So wurde ich von Jahr zu Jahr größer und meine Eltern älter. Mein Vater verdiente nun sein Geld unter dem Künstlernamen Willi Bendow als Komiker und Conférencier, und meine Mutter gab das Geld schneller aus, als mein Vater komisch sein konnte. Mit der Zeit wurde unsere Familie größer und größer, denn meine Mutter brachte mit Fleiß kleine Mädchen zur Welt und meine Oma zog bei uns ein, um die kleinen Mädchen groß zu ziehen.

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Mein komischer, Mädchen erzeugender Vater war nun viel auf Tournee und ich war allein zu Hause unter
Frauen. Während Queen Mom samt Königin und Prinzessinnen ihr Milchbad nahmen, kümmerte ich mich um alle Arbeiten, die schwer, dreckig und stinkig waren. Es war eine wirklich schöne Zeit – für meine Schwestern.

Zur Entschädigung aber befreite mich Bendow in den Schulferien manchmal aus dem Frauenhaus, um ihn bei seinen Gastspielen zu begleiten.
Das war eine große Zeit für den kleinen Roland, denn ich lernte nicht nur die Fernsehgrößen der damaligen Zeit, wie Billy Mo, Vico Torriani, Herbert Hisel, Fred Bertelmann, Willy Hagara, Franzel Lang oder die Jacob Sisters persönlich kennen, sondern auch das seltsam verrückte Künstlerleben zwischen Rampenlicht und Hotelzimmerfunsel – zwischen Schein und Sein.
In der Schule war ich natürlich auch, aber die Schule war nicht bei mir. Meine Lehrer kannte ich nur von hinten, denn mein Platz im Klassenraum war die Ecke neben der Tafel. Doch muss ich hier anführen, dass dieses Eckensteher-Dasein für mich einen schicksalhaften, soziokulturellen Lernprozess darstellte – ich genoss erstmals die volle Aufmerksamkeit der Anwesenden und ich verlor die Angst davor, vor einem Publikum zu stehen!

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Ab der Mitte des letzten Drittels der zweiten Hälfte der sechziger Jahre hatte der Fernsehapparat aus
dem Kreise der Familie einen Halbkreis gemacht. Die gesamte Bühnenwelt litt enorm unter diesem neuen Unterhaltungsangebot, das ja nun direkt in die heimischen Wohnzimmer übertragen wurde. Aber mein komischer Vater sah in dieser Zeit nicht nur in die Röhre, sondern auch einen völlig neuen Markt, die Kinderbelustigung!

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Wie kam’s? Landauf, landab konnten sich die Ehemänner weder der großen neuen Lust des Fernsehguckens entziehen, noch dem damals üblichen Sendeschluss; so begann eine äußerst fruchtbare Ära, und es gab sehr viele, liebe, kleine Kinderlein.
Mein komischer Vater erkannte sofort den damit einhergehenden Bedarf an Kinderunterhaltung und gründete die „Stolzenfelser Kinderbühne”.
Alles, was das freudige Kinderherz und die zahlenden Veranstalter begehrten, wurde unter diesem stolzen Namen felsenfest dargeboten: Ponyreiten, Kinderzauberei, Kinderquiz, Clownerien und wie sollte es anders sein, auch das unvermeidbare Kasperletheater. Natürlich konnte mein komischer, geschäftstüchtiger Vater dies nicht alles alleine auf „die Bretter, die die Welt bedeuten” stellen, und so engagierte er Hinz und Kunz, um die vielen, lieben, kleinen Kinderlein zu belustigen.
Doch eines schlechten Tages konnte Kunz nicht mit seinem Kasperletheater auftreten. Vielleicht hatte er sich den Fuß verknackst, egal, doch der Vertrag mit dem Veranstalter war unterschrieben und die Gage schon längst von meiner Mutter für die Prinzessinnen ausgegeben. Was tun? Da erinnerte sich mein komischer, Kinder belustigender Vater daran, dass er irgendwann in den fünfziger Jahren einen Sohn bekommen hatte, und der Verdacht fiel bald auf mich.
Nach einiger Sucherei fand man mich in einer unaufgeräumten Dachmansarde hoch unter den Wolken in meinem Kuckucksheim. Man konnte sich daran erinnern, dass ich viel herumbastelte, zeichnete und malte, dass ich seltsame Texte verfasste und den Sinn des Lebens im Unsinn sah. Man trug mich in die Küche, wusch mich gründlich und gab mir den Auftrag, umgehend Kasperletheater spielen zu wollen müssen. Nach dem herzzerreißenden Erlebnis, endlich meine gesamte Familie einmal wieder zu sehen und mit dem neuen Wissen, zukünftig eine Mitverantwortung an der Aufzucht von Prinzessinnen zu tragen, war ich nicht mehr in der Lage, das finanziell äußerst unlukrative Angebot abzulehnen.

So spielte ich zwei Jahre lang das lustige Kasperle bei Kindergeburtstagen, Supermarkteröffnungen, Vereinsfeierlichkeiten, Werbeveranstaltungen und sonstigen traurigen Anlässen. Nun begab es sich zu jener Zeit, dass ich plötzlich anfing, selbstständig zu denken. Ich dachte mir dies und das, aber auch selles und jenes, aber am meisten dachte ich darüber nach, wie man dieses Kinder belustigende Kasperletheater zu einem wirklich guten Puppentheater machen könnte. Als ich fertig
darüber nachgedacht hatte, nahm ich all meinen Unmut zusammen und präsentierte meinem komischen Vater mein zukunftsweisendes Kasperle-Konzept. Von da an haben wir nie mehr ein Wort miteinander gesprochen. Ich ergriff einen ordentlichen Beruf, wurde Handbuchbindermeister und Vater von drei Kindern und lebte fortan in Frieden. Allerdings nur bis zum Jahre 1979, denn da erschien mir eines Nachts im Traum das bereits erwähnte, Kinder belustigende Kasperle. Es sprach zu mir: „Hör mal Hotz, wie wär’s, wenn wir beide uns zusammen tun? Du steckst mir die Hand hinten rein und ich halte den Kopf dafür hin, das wird bestimmt eine komische Nummer“. Ich fand die Idee zwar gleich richtig gut, doch ich erbat mir einige Änderungen bei der Art und Weise der kasperlativen Lustigbarkeit. Das Kasperle sagte nach kurzem, unüberlegten Nachdenken: „So soll es sein! Wes’ Hand ich spür, des’ Stück ich spiel’!”. Er schlug mir dreimal mit seiner Klatsche auf den Kopf, rief „Gut Holz, Hotz” und schlief ein. So gründete ich am darauffolgenden Tag unumgänglich das „Kikeriki
Theater”. Abgesehen davon, dass meine Familie, meine Arbeitskollegen, meine Bekannten, meine Freunde und selbstredend auch meine Feinde sicher waren, dass sich nun endlich ihr Verdacht auf meine geistige Rundumverwirrung bestätigte, war mein Entschluss unumstößlich. Gesegnet mit allen schlechtgemeinten Unglückswünschen dieser Welt begann somit ein komisches Theater seinen oft auch unkomischen Weg.

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Juhu, ein Puppentheater war geboren! Ich war nach dem Theater mit meinem komischen Erzeuger zum Erzeuger eines komischen Theaters geworden. Doch wie geh’ ich’s nun an? Heute bau’ ich’s, morgen spiel’ ich’s und übermorgen verdien’ ich der Königin ihr Geld! Nein, so nicht. Geld und Ruhm waren egal, einfach nur spinnen und spielen dürfen. Das war’s. Ohne Ziel, ohne Druck, behutsam, langsam, gesund und vor allen Dingen munter sollte das kleine Theaterchen aufwachsen. Ein reines Vergnügen sollte es sein, für die „Kinder” vor und hinter der Bühne. Jetzt hieß es nur noch anfangen. Meine einsamen Mansardenerfahrungen beim Basteln, Malen und Texten waren nun zwar sehr nützlich, um Puppen und Bühne zu bauen, sowie ein Stück zu schreiben. Aber das damalige Eremitenleben wollte ich nun auf keinen Fall auf’s Neue weiterführen. Ich brauchte Mitspinner. Da ich auf die Schnelle keine Freiwilligen fand, musste ich sie kurzerhand zwangsrekrutieren. Die Frau, ihr Cousin und ein Ehepaar, das neu ins Haus gezogen war. Die Frau war abhängig, der Cousin war zu jung, um sich zu wehren, und das arme Ehepaar wollte sich nicht gleich nach dem Einzug Feinde in der neuen Hausgemeinschaft machen. So setzte man sich in der neu gegründeten „Amateurpuppentheatergruppe” zusammen und diskutierte zwecks Projektrealisierung über künstlerische Ziele, Visionen, Konzepte, Zeitpläne; natürlich kollektiv, demokratisch, unkommerziell, antiautoritär, emanzipiert, nichtrepressiv und was weiß der Fritz Teufel noch alles. Doch schon nach dem ersten gruppendynamischen Zusammentreffen hatte ich eine große Erkenntnis gewonnen: So wird’s mal überhaupt nix!

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Von nun an ging es aufwärts. Jeder konnte frei sagen und vorschlagen, was er wollte, und ich sagte dann, was und wie es gemacht wurde. Anstatt Direktor war ich Diktator, und anstatt kreativer Gemeinsamkeit gab es für mich manch’ geistige Einsamkeit. Doch egal, Hauptsache, die Arbeit an Puppen, Bühne und Stück ging zügig voran. Am 7. September 1980 gingen wir dann auf dem Zahnfleisch und die lang ersehnte Premiere endlich über unsere kleine Bühne. Alle Beteiligten  schwebten nun glücklich und froh auf meiner Wolke Sieben und wir gaben Vorstellung auf Vorstellung. Doch dann holte uns eine völlig neue Erkenntnis zurück auf den Boden der Tatsachen:
Wir mussten nun mit der Vorbereitung eines zweiten Stücks beginnen. Aha! Das hieß also für die Zukunft: am Wochenende spielen und in der Woche Schreibtisch, Werkstatt und Proben. Aber wir
waren bereit, wir stellten von nun an unsere Kraft in den Dienst eines Puppentheaters und unser Privatleben hinten an.

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Mittlerweile zu einiger Bekanntheit gelangt, spielten wir als Amateurpuppentheater glücklich und zufrieden für die vielen lieben Kinderlein in unserer Stadt. Die gesamte Gruppe war nun im Himmel meiner Träume. Doch dann geschah etwas Unvorhersehbares: Wir wurden völlig unvorbereitet darauf hin angesprochen, in einem Folk-Club vor erwachsenen Menschen aufzutreten. Wären diese Herausforderer nicht gute Freunde gewesen, hätten wir die Anfrage als schlechten Scherz abgetan. Aber es war ernst gemeint. Wir lehnten natürlich ab. Erstens wollten wir nie für Erwachsene spielen, zweitens hatten wir kein geeignetes Programm und drittens ging uns schon alleine bei dem Gedanken daran der Arsch auf Grundeis. So kam es, wie es kommen musste. Die so genannten „guten Freunde” nutzten hinterlistig unsere Zutraulichkeit aus und überredeten uns doch zu einem kurzen Auftritt. So standen wir plötzlich auf einer kleinen Bühne in einem kleinen Kneipensaal vor tausenden und abertausenden von erwachsenen Folk-Rockern (wahrscheinlich waren es keine 100). Wir, die jungen, naiven Amateurpuppenspieler, bepackt mit ein paar Püppchen aus einem Kinderstück und ebenso bepackt mit gut gefüllten Hosen. Es gab kein Entrinnen, Tod oder Spielen. Wir wurden angesagt und Hunderte von 50.000-Watt-Scheinwerfern waren auf uns gerichtet.  Gesenkten Hauptes schritten wir zu unserer Hinrichtung. Das grausame Spiel konnte beginnen. Eigentlich hatte ich vor, erst einmal ein paar nette Witzlein zu machen, um die gierige Meute milde zu stimmen. Doch da hörte ich plötzlich eine mir wohl bekannte Stimme: „Gude, ich bin’s Kaspersche, es klahne lusdische Kaspersche!”. Da wurde mir klar, dass sich mein kleiner Geschäftspartner heimlich unter die Puppen gemischt hatte. Er übernahm unaufgefordert das Regiment, spielte rotzig-frech mit den anderen ein paar kleine Szenen, sagte „Uff Widdersehn” und verschwand. Das freundliche Publikum war begeistert, wir verbeugten uns, gingen aus dem Saal, schauten uns verdutzt an und betranken uns innerhalb von Sekunden bis zur Bewusstlosigkeit. Fortan spielten wir nun auch für Erwachsene, mit einem kleinen Holzkopf und großer Freude.

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Anfang der neunziger Jahre, das war kurz nach dem Ende der Achtziger, hatte sich das Kikeriki Theater für Kinder sowie auch für Erwachsene zu einer kleinen Attraktion gemausert. Die Vorstellungen waren immer öfter ausverkauft und wir waren immer öfter sprachlos. Der Erfolg war schön, aber auch schön anstrengend. Wir spielten mittlerweile drei Abendvorstellungen in der Woche und zwei Kindervorstellungen am Wochenende. Wir hatten aber auch Familien, die wir ernähren mussten und rechtschaffende Berufe, die uns noch immer ernährten. Aber alles Zaudern nutzte nichts, das Kikeriki Theater war unübersehbar in die „Puppertät” gekommen. Es verlangte immer mehr und immer Besseres von uns: neue Stücke, neue Scheinwerfer, neues Lichtpult, neue Tonanlage, Proberaum, Werkstatt, Transportbus und vor allem unsere Zeit. Ich glaube mittlerweile, ein Theater lebt mehr von der Zeit, als vom Können der Beteiligten. So standen wir plötzlich vor der unausweichlichen Frage: Ganz oder gar nicht?
Wie das Leben manchmal so spielt, hatten wir genau zu dieser Zeit zwei Auftritte bei einem Puppentheaterfestival in Dresden. In der zweiten Vorstellung saß da seltsamerweise ein sehr alter Mann zwischen den Kindern der ersten Reihe. Nach der Vorstellung bat er mich zu sich. Mit leiser, aber fester Stimme sagte er zu mir: „Sie haben mit ihrem Talent nicht das Recht, sich die Frage zu stellen, ob Sie Puppentheater spielen wollen; Sie haben die Pflicht, es zu tun!”. Nachher erfuhr ich, dass der alte leise Herr Carl Schröder war, ein weltbekannter Puppentheater- und Puppenfilmpionier. Dieser kleine Satz beantwortete unsere große Frage von „Ganz oder gar nicht?” und teilte gleichzeitig unsere Gruppe. So wurde 1992 für die „Ganz-Sager” das Puppenspiel zum Beruf.

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Aus einem kleinen, komischen Puppentheater wurde nun komischerweise eine ernste Sache. Es war nun unser Ernährer, obwohl wir doch die Erzeuger und Geburtshelfer waren. Nun waren nicht mehr wir das Kikeriki Theater, sondern wir waren beim Kikeriki Theater. Zudem wurde unser Theater nun langsam erwachsen. Es wurde selbstbewusst und verlässlich. Aber es wurde auch nachdrücklicher in seinen Anforderungen. Und wie ich schon einmal erwähnte, wie das Leben oft spielt, wurde unweit unserer Spielstätte ein altes Areal renoviert und zum Teil neu bebaut. Die Bauherren hatten unseren erfolgreichen Werdegang verfolgt und fragten mich aus heiterem Himmel (vielleicht war er aber auch bedeckt), ob wir nicht vielleicht Interesse an einem eigenen kleinen Theaterraum hätten. Na ja, was soll ich lange herumschreiben, 1993 wurde die Eröffnung gefeiert und wir waren nun nicht mehr im Himmel unserer Träume, sondern im Himmel vom Himmel. Wobei ich anfügen muss, dass dieser Himmel auch seine sehr dunkle Wolke hatte, denn wir unterschrieben einen Zehn-Jahres-Vertrag und mussten im Monat 9.000 DM Miete bezahlen.

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Ich kann es nicht anders sagen, aber unser Theater wuchs uns langsam über den Kopf. Trotz ständig
steigender Auftritte konnten wir dem Zuspruch nicht mehr gerecht werden. Bei einem für uns alle unvergesslichen Vorverkaufstag, bei dem ca. 8.000 Karten für ein gesamtes Halbjahr in den Verkauf gingen, waren wir nach zwölf Stunden Vorverkauf morgens um halb vier ausverkauft, ausgelaugt und ausgesaugt. Wir bestellten uns einen Leichenwagen, ließen uns nach Hause bringen und dachten darüber nach, was passiert war. Als wir uns am nächsten Tag trafen, hatte zwar keiner eine Antwort gefunden, aber eine neue Frage: Wie soll das weitergehen? Wir brauchten ein größeres Theater für dieses Theater. Und wie das Leben oft so spielt, Sie wissen Bescheid, brachte ein einziger Anruf, und das ist die Wahrheit und nichts als die Wahrheit, mit sich, dass wir eine kaum noch genutzte Turnhalle in bester Lage offeriert bekamen.

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So wurde 1996 die Eröffnung der Comedy Hall gefeiert und wir waren nun im siebten Himmel angelangt. Es war unglaublich – den Buckel voller Schulden, die Taschen leer, die Kräfte am Ende, die Familien zerschlagen und die Neider im Rücken. Unser Theater war nun ausgewachsen und Herr über unser Leben. Nicht, dass Sie nun denken, wir hätten diesen letzten Schritt bereut. Nein, ganz im Gegenteil, es war alles gut so, weil es nur so gut war. Es war zwar wahnsinnig, aber auch wahnsinnig konsequent. Ein solches Theaterhaus ist etwas unglaublich Tolles. Endlich konnten wir durchstarten und jährlich über 300 Vorstellungen vor über 50.000 Besuchern geben. Und das Geben sollte zu unserer größten Theaterdisziplin werden.
Wir gaben das Geld schneller aus, als meine Mutter es je gekonnt hätte. 17 feste Mitarbeiter, über 25 Aushilfen, Pacht, Strom, Wasser, Heizung, Telefon, Müllentsorgung, Versicherungen, Berufsgenossenschaft, Gema, Künstlersozialkasse, Steuerberater, Rechtsanwälte, Handwerker, Tantiemen, Genehmigungen, Instandhaltung, Werkzeuge, Maschinen, Materialien, Bühnentechnik, Haustechnik, Dings und Bums. Ja, im siebten Himmel lebt es sich teuer!

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Aber egal – es war und ist herrlich. Man macht so viele Menschen glücklich, und man lernt zudem so viele Menschen kennen. Vom Bauamt, vom Ordnungsamt, vom Brandschutzamt, vom Veterinäramt, vom Gesundheitsamt, von der Gema, von der Künstlersozialkasse und nicht zu vergessen vom Finanzamt. Und man macht so wunderbar aufschlussreiche Erfahrungen mit Menschen, die man mit auf den Weg genommen hat, und die einem dann vor lauter Dankbarkeit einen Haufen vor die Füße scheißen. Oder mit netten Gästen, die einen verklagen, nachdem sie sich in betrunkenem Zustand vor der Tür oder auf dem Parkplatz die Knochen gebrochen haben. Oder mit den Rechtsanwälten, die die vorher Genannten nach bestem Wissen und Gewissen vertreten. Ja, im siebten Himmel lernt man die Erdenbewohner erst richtig kennen.

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Wir können uns darauf verlassen, dass wir die Zukunft ebenso wenig erleben werden, wie das Morgen. Natürlich nur philosophisch gesehen, denn wir erleben immer nur das Jetzt und das Heute. Zukunft bleibt immer Zukunft und Morgen bleibt immer Morgen. Doch genug der pseudointelligenten Klugscheißerei, um was geht’s jetzt eigentlich? Leider muss man ja trotz einer solch hochgeistigen Erkenntnis für die Zukunft planen, da sie nach ihrer unausweichlichen Metamorphose zur Gegenwart sehr wohl direkte Auswirkungen auf unser Leben hat. Also stellte sich auch uns die berühmte Beatles-Frage: „Wer ernährt uns, wenn wir 64 sind?”, oder anders gefragt: „Wie geht es mit dem Kikeriki Theater weiter, wenn wir nicht mehr so können dürfen, wie wir gerne wollen täten?“. Die Lösung hieß: Nachwuchs! Da aber der Nachwuchs nicht einfach aus dem Boden schießt (dann müsste er ja auch Nachschuss heißen), sondern langsam nachwachsen muss, haben wir mit der Aufzucht bereits begonnen. So spielen seit dem Jahr 2005 unsere Nachwüchsigen teils zur Freude, teils auch schon beruflich bei unserem ausgewachsenen Theater. Allen engstirnigen Unkenrufen zum Trotz schmettern sie schon jetzt ebenso großmäulig das „Kikeriki”, wie es die Alten sungen. So können wir, wenn wir denn irgendwann einmal Einlass im „richtigen Himmel” finden sollten, in aller Seelenruhe frohlocken und Hosianna singen, wohl wissend, dass unser Theater weiterhin schön laut „Kikeriki” und unser „Kikeriki” schön laut Theater macht.

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schlusswort